Umwelt- und Artenschutz

Kitzrettung mittels Wärmebilddrohne

Unterwegs mit der Kitzrettung Landsberg am Lech des  Jagdschutz- & Jägerverein Landsberg am Lech e. V.

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Sie haben ein vermeintlich verlassenes 
Kitz gefunden?

BITTE unbedingt liegen 
lassen!!!

Sie haben das Kitz ohne Handschuhe angefasst?

BITTE weiterhin unbedingt liegen lassen!!!

Sie haben ein vermeintlich verlassenes Kitz in einer Wiese entdeckt? Es rührt sich nicht und es flüchtet nicht vor Ihnen? Dies ist ein völlig normales Verhalten des Kitzes und sollte es keine Verletzungen aufweisen oder andere Anzeichen von Hilfsbedürftigkeit aufweisen (bitte Kapitel "Hinschauen" beachten), entfernen Sie sich bitte zügig und weit genug von dem Kitz, auch wenn Sie es bereits angefasst haben. Die Geiß (die Mutter) wird das Kitz weiterhin versorgen. Der Mutterinstinkt ist deutlich stärker ausgeprägt, als der etwaige Fremdgeruch, welcher an dem Kitz anheften kann! Sie können das Kitz zusätzlich mit etwas Gras abreiben, dies ist aber nicht unbedingt notwendig. Die Geiß orientiert sich am Geruch des Urins und der Milch im Fell ihres Kitzes.

Die Geiß gebärt das Kitz im Schutz des hohen Grases. Das Kitz verändert seinen Liegeplatz täglich und die Mutter sucht das Kitz mehrfach am Tag zum Säugen auf und entfernt sich dann wieder für eine gewisse Zeit. Auch die Geschwister-Kitze liegen meist viele Meter voneinander entfernt. Bei Gefahr ducken sich die Kitze in den ersten 3-4 Lebenswochen ab und verharren bewegungslos in der Wiese. Die Kitze sind zusätzlich durch ihr Fell und das hohe Gras perfekt getarnt und geschützt.

Doch wann wird dieses völlig normale und zum Schutze vor Fressfeinden angeborene Verhalten zum Problem und wann müssen diese Kitze dennoch gesichert werden?
Während der Mahd!

Im Einsatz für die Kitze

Viel mehr als aktiver Arten- und Tierschutz

Warum?

Durch das Mähen der Wiesen mittels großer Landmaschinen, welche teilweise einen Vorschub von fünf Metern in der Sekunde haben, kommt es immer wieder dazu, dass junge Kitze schwerste Verletzungen und somit meist einen qualvollen, Stunden andauernden Todeskampf erleiden müssen. Weder abgelegte noch fliehende Kitze haben hier eine reale Chance. 
Die Deutsche Wildtierstiftung  geht davon aus, dass pro 100 Hektar ca. vier Kitze getötet werden, die Dunkelziffer liegt vermutlich noch deutlich höher. In Deutschland bedeutet das jährlich auf 2,3 Millionen Hektar den Tod für ca. 92.000 Rehkitze.
Aber warum flüchten die Kitze nicht einfach, aufgrund der lauten Geräusche der landwirtschaftlichen Fahrzeuge? Und warum liegen Kitze überhaupt in der Wiese? 
Warum ist die temporäre Sicherung der Kitze während der Mahd wichtig und wann ist es nicht sinnvoll diese "lediglich" aus der Wiese zu vertreiben?

Wann?

Im Frühjahr, Ende April bis Anfang Juni gebärt die Geiß ihre Kitze, frisst die Nachgeburt und leckt die Kitze trocken. Damit reduziert sie den Eigengeruch ihrer Kitze deutlich. Die Kitze, in der Regel gebärt die Geiß zwei Individuen, werden von ihr in die Wiese gesetzt. Dort verharren sie abgeduckt und regungslos im hohen Gras. Die dichte und zu dieser Zeit bereits üppige Vegetation schützt die Jungtiere, in Kombination mit ihrer Fellfärbung und des geringen Eigengeruchs, vor Fressfeinden. Die Geiß säugt ihre Kitze mehrmals am Tag und entfernt sich regelmäßig zur Nahrungssuche. Das ist ein normales notwendiges Verhalten. 
Bei Hunger oder Angst geben sehr junge Kitze einen hohen Ton von sich und ducken sich instinktiv ab. Erst ab circa der dritten Lebenswoche versuchen die Jungtiere sich bei Gefahr in Sicherheit zu bringen. Diese Verhaltensmuster sorgen dafür, dass es während der Mahd zu keinen oder teilweise aussichtslosen Fluchten kommt. Von ihren Landmaschinen haben die Landwirte keine Chance die Kitze im hohen Gras rechtzeitig zu entdecken.

Wie?

Mit Hilfe von Drohnen, welche mit Wärmebildkameras ausgestattet sind, werden die zu mähenden Wiesen, in den frühen Morgenstunden, meist bereits zwischen 4:00/6:00 Uhr morgens, systematisch abgeflogen. Hierbei sind die Temperaturunterschiede zwischen dem kalten Boden, der Vegetation und der deutlich höheren Körpertemperaturen der Kitze entscheidend. Die Wärmesignatur der Kitze ist zu dieser Zeit am stärksten ausgeprägt.
So ist es auch möglich Junghasen und Gelege von Bodenbrütern zu detektieren und gegebenenfalls Maßnahmen zu deren Schutz einzuleiten. Wurden Kitze gefunden, werden diese fachgerecht gesichert. Es ist entscheidend, dass direkt nach der Sicherstellung der Kitze, die Flächen gemäht werden, da die Jungtiere so schnell wie möglich wieder von der Mutter gesäugt werden müssen bzw. geflüchtete Kitze recht schnell wieder an den Ablageort zurückkehren und somit erneut Gefahr laufen, unter das Mähwerk zu gelangen. Daher ist eine temporäre Sicherung der zuvor gefangenen Kitze am effektivsten.

Wer?

Alle Personen, welche Wiesen im besagten Zeitraum mähen möchten, können verschiedene meist gemeinnützige Vereine, die sich mit der Kitzrettung befassen, engagieren. 
Es bedarf eines Auftrages und der Genehmigung durch die Landwirte UND die Jagdbeauftragten. Werden die Jäger nicht verständigt, macht man sich der Wilderei strafbar. Das darauf folgend zusammengestellte Team besteht aus zuvor ausgebildeten Piloten, Copiloten und geschulten Helfern. Helfer und Piloten absolvieren vor dem Saisonstart ein oder mehrere gemeinsame Trainings. Dazu gehören unter anderem das Erlernen der gezielten Suche und das Erkennen relevanter Wärmesignaturen. Hierzu werden mit heißem Wasser gefüllte Behälter in Übungswiesen mittels Wärmebilddrohnen gesucht, die Vermittlung der Vorgehensweise des Fangens, Aufnehmens und der Sicherung von Kitzen ist ebenfalls essentiell. Auch auf etwaige Risiken, welche sich während der Kitzrettung ergeben können, wird hingewiesen. 

Schwierigkeiten?

Die Mahd sollte direkt nach der Kitzsuche geschehen, um die Gesundheit der Kitze, durch zu lange Pausen zwischen den Säugeperioden, nicht zu gefährden und geflüchteten Kitzen keine Zeit zu geben, an den ursprünglichen Ablageort zurückzukehren. 
Dies erfordert eine gute zeitliche Planung der Arbeitsabläufe und Kommunikation aller Beteiligten.
Die Anzahl der Aufträge steigt kontinuierlich. Die Mahd eines Großteils der Flächen erfolgt meist in wenigen Tagen, daher ist eine optimale und teilweise priorisierte Koordination der Aufträge von Nöten. Um alle Aufträge fliegen zu können, muss das technische Equipment ebenfalls kontinuierlich erweitert werden. Das ist aufgrund der hohen Kosten meist nicht im gleichen Maße möglich. Des Weiteren werden jedes Jahr zusätzliche ehrenamtliche Helfer gesucht, um das Team zu verstärken. 
Witterungsbedingungen wie Nebel, starker Wind, Regen oder hohe Umgebungstemperaturen können die Suche ebenfalls deutlich erschweren. 

Vergrämungsmittel - Alternativen?

Alternativen zur Suche mittels Drohne stellen z.B. die Bildung einer Menschenkette, inklusive des Einsatzes von ausgebildeten Such- und Vorstehhunden, dar. Aufgrund des geringen Eigengeruchs der Kitze ist die alleinige Suche mittels Hunden uneffektiver. Das alleinige Abschreiten durch den Menschen ist ebenfalls aufgrund der sehr guten Tarnung und geringen Größe der Kitze nicht empfehlenswert, da es hier durchaus dazu kommen kann, dass Kitze übersehen werden.
Technische Neuheiten wie integrierte Wärmesensoren an den Mähmaschinen gibt es von verschiedenen Herstellern auf dem Markt, diese sind aber aufgrund des hohen Preises derzeit noch nicht flächendeckend im Einsatz. 
Da das Fangen und Sichern der Kitze einen gewissen Stress für die Wildtiere bedeutet, sollten Landwirte vor jeder Suche geeignete Vergrämungsmaßnahmen durchführen, um das Ablegen der Kitze in der zu mähenden Wiese zu verhindern. "Rehkitzretter" stellen eine gute Ergänzung zur anschließenden Suche dar. Ebenso aufgestellte Fahnen oder ähnliches.


Ein herzlicher Dank für die freundliche Genehmigung Bilder und Videos aufnehmen zu dürfen, geht an den
Jagdschutz- & Jägerverein Landsberg am Lech e. V.  - Abteilung für Drohnenwesen, unter Leitung von Christopher Veit
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Interaktives Tutorial "Wildtier gefunden, was tun?" für Öffentlichkeit und Einsatzkräfte - Copyright Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Zierfische - LMU München und Wildtierhilfe Bayern e.V.